(Aus dem Oranienburger Generalanzeiger vom 13. August 2011)

Aus dem Wohnzimmer in die Freiheit

Fünf Monate buddelte sich Familie Aardaard durch 50 Meeter Sand in den Westen Berlins

Roland Becker

Glienicke: Als der vierjährige Detlef Aagaard den ersten Fluchtversuch auf eigene Faust wagte, ahnten seine Eltern noch nicht, dass sie einmal durchs Erdreich krauchen werden, um in die Freiheit gelangen zu können.
„Meine erste Flucht habe ich allein mit meinem Tretauto bewerkstelligt", kann sich der heute 59-Jährige noch immer über den Ausreißer amüsieren. „Ich muss hier mal durch!", hatte der vierjährige Steppke dem Grenzposten an der Oranienburger Chaussee in Glienicke zugerufen. Während der sich umdrehte, um seinem Kollegen die Frechheit zu erzählen, war Detlef schon weitergerollt. „Irgendwo in Hermsdorf bin ich dann im Sand stecken geblieben."

Vielleicht hätte seine Mutter ihn gar nicht wieder in den Osten geholt, wäre ihr klar gewesen, dass sielt fünf Jahre später die Grenze für Jahrzehnte schließen würde.

Doch 1956 war das Leben für die Aagaards im Osten durchaus erträglich. Während Mutter Lucie in ihrem Frisörsalon Leuten aus Ost und West den Kopf wusch, arbeitete ihr Mann in einer Westberliner Firma. Sogar eine Urlaubsreise konnte man sich hin und wieder leisten.

Am 13. August 1961 war das Trio gerade in den Ferien im Vogtland und ahnte nicht, was sich vor ihrer heimischen Haustür und in Berlin tat. Erst ein paar Tage später kam die Karte von Lucies Schwiegermutter: „Ihr werdet ja Radio gehört haben. Die haben die Grenze zugemacht."

Für seinen Vater, so erinnert sich Detlef Aagaard, war die Sache klar: „Wenn es nicht mehr oben geht, geht's unten durch."
Doch in den Westen buddelt man sich nicht so schnell.

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Nachdem bereits Glienicker erfolgreich durch zwei Tunnel geflohen waren, wurden die Kontrollen schärfer.

Grenzer schauten schon mal in die dunklen Ecken der Keller. „Wir hatten aber keinen Keller", amüsiert sich die 91-jährige Lucie Aagaard noch heute über die Ahnungslosigkeit der Kontrolleure. Ihr Eingang in die Freiheit begann direkt in der Wand an der damaligen Terrassenseite.

Vor dem Loch stand als Tarnung eine Bank mit Rückenlehne. Auf der haben, so Lucie Aagaard, oft Soldaten gesessen, die sie in bitterer Winterkälte auf 'nen Kaffee reingeholt hatte. Den schlürfend ahnten die Grenzer nicht, was sich hinter ihrem Rücken tat.

Doch ehe überhaupt der Tunnelbau seinen Anfang nahm, verging mehr als ein Jahr. Im Oktober 1962 begann Martin Aagaard mit einem aus Dresden stammenden Studenten zu buddeln. „Den Schorschi", so nannten Aagaards den Sachsen, „haben wir ins Haus geschmuggelt. Der konnte nur nachts mal an die frische Luft. Den durfte ja keiner sehen."

Am Tag war der junge Mann gut beschäftigt: Er musste buddeln. Schippe für Schippe, Eimerchen für Eimerchen wurde der Gang erst unterm eigenen, dann unter Nachbars Garten gebuddelt. In gewisser Weise hatten die Aagaards die Rechnung ohne den Sand gemacht. Sie hatten nämlich nicht ermittelt, wie viel Kubikmeter Erdreich sie plötzlich in ihrer Wohnung haben würden.

Schließlich konnten sie nicht mit vollen Schubkarren an den Grenzsoldaten vorbei. „Dass der Sand so ville wurde", berlinert sich Lucie noch heule staunend durch das damalige Geschehen. „Es gab keine Schublade, keinen Schrank, überhaupt kein Loch, in dem nicht Sand war."

In der Badewanne bedeckte schmutzige Wäsche die zig Milliarden Körner. Und hätten die Offiziere im Stall mal unter die Kohleasche oder die Kartoffeln gegriffen - worauf wären sie wohl gestoßen? „Die Angst vor Entdeckung war natürlich immer da. Aber wenn ich einen Posten auf 'nen Kaffee reingeholt habe, war kein Krümel zu sehen."

Derweil gab es andere Probleme zu bewältigen. Ihre Schwiegermutter zum Beispiel sollte unlerm Wohnzimmertisch durch, immer wieder.

„Die sollte kriechen üben. Aber die wollte das nicht", erinnert sich die 91-Jährige. Auch auf den Sohnemann galt es aufzupassen. Der Vater ahnte nicht, dass seine Frau Detlef eingeweiht hatte. „Wenn Du nur ein Wort verrätst, kommen wir ins Gefängnis und Du ins Kinderheim!", hatte sie ihm eingeschärft. Das hat gesessen.

Sohn Detlef sagt heute: „Wer damals hier groß geworden ist, wusste, wie ernst so etwas zu nehmen ist." Selbst sein bester Freund habe kein Sterbenswort erfahren.

Derweil gruben der Vater und der Student wie die Maulwürfe. Es habe Situationen gegeben, wo sie am liebsten aufgehört hätten. Aber irgendwann ging das nicht mehr. Mit jeder Schippe, die in den Sand gehauen wurde, kam die Angst dazu, eine Wasserleitung zu treffen. Das Geräusch hätte die Aktion verraten können. Auch die Angst, dass der Tunnel einstürzt, spielte mit. „Ein Stück ist mal abgerutscht", erinnert sich Detief Aagaard.

Am 9. März 1963 war der mit Brettern abgestützte Tunnel fertig. Es klingt wie ein Wunder, dass sich 13 Leute kriechend dem Sozialismus entzogen, ohne dass sich einer davon in den Monaten zuvor auch nur einmal verquatscht hatte. Die Schwiegermutter, die das Kriechen nicht hatte üben wollen, sei übrigens auf einer Luftmatratze durch die Röhre gezogen worden.

Im Tunnel drin, war man noch längst nicht im Westen. Schließlich war der Ausgang direkt hinter der Mauer. Deshalb wagte sich nur einer hinaus, der zum nächsten Westberliner Polizeirevier rannte, um Schutz für den Ausstieg zu besorgen. Die anderen verharrten zwei Stunden in der Finsternis. „Ich hatte Probleme, meinen Sohn ruhig zu stellen. Der hat was gequatscht!", denkt Lucie Aagaard an die vielleicht brenzligsten Minuten ihres Lebens zurück. Morgens um vier saßen alle überglücklich im West-Polizeirevier.

Während die Flüchtlinge sofort im Lager Marienfelde die Aufnahmeprozedur hinter sich brachten und die Glienicker ihre Nachbarn plötzlich in der „Abendschau" wieder sahen, suchte die Stasi fieberhaft nach dem Tunneleingang. Angeblich sei schon überlegt worden, ums ganze Haus einen Graben zu ziehen, als ein sensibler Geheimdienstler auf jener Wohnzimmerbank saß und sagte: „Hier zieht's!" Lucie Aagaard resümiert nachträglich: „Wir jedenfalls waren weg!'

Im Sommer 2011 sitzt Lucie wieder in ihrem Glienicker Garten und schaut auf riesige Sandberge. Diesmal muss der Sand nicht in Schubladen versteckt werden. Ein Architekturbüro (Archäologenbüro, Anm. von fluchttunnel-glienicke.de) hat den Fluchttunnel freigelegt.

Ein wenig scheint die alte Dame den Rummel um ihren Tunnel und ihre Fluchtgeschichte zu genießen. Noch mehr mag sie es aber, wieder in ihrem Haus zu leben: „Ich möchte hier nicht mehr weg."